Corona und der Fahrradboom: Mehr Platz fürs Radfahren mit Abstand

temporärer Radweg Berlin

Es ist wahrscheinlich die Kombination aus dem sommerlichen Wetter und den fehlenden Alternativen aufgrund der Corona-Restriktionen: Der Fahrradverkehr nimmt zu. Zwar fallen viele Pendlerstrecken weg, aber der Mensch braucht Bewegung und steigt jetzt in der Freizeit häufiger aufs Bike. Aussagekräftige Zahlen über die Anzahl der Radfahrer gibt es noch nicht, weil der Zeitraum zu kurz ist und wetterbedingte Schwankungen starken Einfluss haben. Doch an einzelnen Stellen werden Verdopplungen und Verdreifachungen des Radverkehrs gemeldet. Gefühlt wird es gerade am Wochenenden und auf den fahrradfreundlichen Strecken immer wieder eng. Zu eng, um mindestens 1,5 m Abstand einhalten zu können.

Temporäre Fahrradspuren

Gleichzeitig geht der Autoverkehr stark zurück. In Köln wurde teilweise ein Rückgang von über 50 % gemessen. In anderen Städten gibt es ähnliche Zahlen. Ist nicht gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, um dem Rad- und Fußverkehr mehr Raum zu geben? An vielen Stellen wird gefordert, die Flächenverteilung zu Lasten des Autoverkehrs zu verändern. Köln macht dies, indem an vielen Stellen die Radwegenutzungspflicht aufgehoben wird und Radfahrer somit die aktuell eher schwach genutzten Autospuren nutzen können.

Noch konsequenter ist die Stadt Berlin. Im Stadtbezirk Friedrichshain-Kreuzberg wurden kurzfristig Pop-up-Fahrradspuren geschaffen, indem Fahrspuren mit Warnbarken und gelben Linien abgetrennt wurden. Das Bezirksamt meldet trocken: „Da die Pilotvorhaben positiv angelaufen sind, wird in der nächsten Woche eine Ausdehnung der pandemieresilienten Infrastruktur im Rahmen des behördlichen Ermessens erfolgen.“

Corona Radweg Berlin
Copyright: Qimpy, Frank Masurat

 

Internationale Vorbilder für urbane Mobilität bei Corona

International gibt es mehr Beispiele für schnelles Handeln, um Fußgängern und Radfahrern ausreichend Abstand zum Schutz vor Infektionen zu bieten. Im kolumbianischen Bogotá werden schon seit über 30 Jahren an Wochenenden Straßen für den Autoverkehr gesperrt, um den Radfahrern genug Raum zu geben. 85 % der Bevölkerung sind hier zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem ÖPNV unterwegs. So handelte die Bürgermeisterin der Stadt auch direkt zu Beginn der Corona-Pandemie. 117 km temporäre Fahrspuren für Radfahrer wurden eingerichtet, um eine Alternative zu den überfüllten Bahnen und Bussen zu geben und Virusübertragungen zu verringern. Die Bürgermeisterin von Oakland/California sperrte 120 km und damit 10 % der Hauptstraßen für den Autoverkehr. Minneapolis, Winnipeg und Calgary sind weitere nordamerikanische Beispiele für die Umwidmung von Straßen zu Gunsten von Radfahrern und Fußgängern.

Brüssel hat für das Ende des Corona-Lock-Downs Anfang Mai eine Verkehrs-Revolution beschlossen. Unter dem Titel „Vélorution“ soll die gesamte Innenstadt zur Fußgänger- und Fahrradzone werden. Fußgänger haben immer Vorrang. Fahrzeuge dürfen maximal 20 km/h fahren. Damit soll Raum für Corona-gerechte Distanz geschaffen werden.

Initiativen engagieren sich für mehr Radwege

Aber Deutschland tut sich schwer. Obwohl die Forderungen immer lauter werden, passiert in den Stadtverwaltungen wenig. Corona wird uns noch mindestens ein Jahr begleiten. Daher gilt es jetzt, das Zusammen-auf-Distanz-Leben zu gestalten. Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) startet die Aktion #RadelnMitAbstand und fordert temporäre Radspuren.

temporäre Radstreifen jetzt

Die Initative ChangingCities ruft Verkehrsminister Scheuer in einem offenen Brief dazu auf, die Infrastruktur für Corona-sichere Rad- und Gehwege zu schaffen. Die Radentscheid-Initiativen in Nordrhein-Westfalen fordern in einem Schreiben Landesverkehrsminister Wüst zum Handeln auf. Doch was passiert? Wenig bis nichts. Ein ganz schlechtes Beispiel gibt unsere Heimatstadt Bonn ab. Auf die Forderung, fünf Parkplätze zu sperren, um in einer Einkaufsstraße den Menschen genug Raum zum Anstehen vor den Geschäften und für das Vorbeigehen auf dem Bürgersteig zu geben, antwortet die Stadtverwaltung lapidar: „Aus Sicht der Stadt ist es weder geboten noch verhältnismäßig, die Parkplätze zu sperren“.

Chancen für die Innenstädte

Die Katastrophen in der Geschichte der Menschheit haben immer zu Konsequenzen geführt: Auf Erdbeben wurde mit dem Bau robusterer Häuser reagiert, auf Überflutungen folgten Deiche und Ausgleichsflächen. Hoffentlich führt die Corona-Pandemie dazu, dass sich unsere Städte verändern. So könnte sie bei allen katastrophalen und tragischen Auswirkungen auch etwas Positives bewirken. Wir brauchen mehr Raum für die Menschen, mehr Lebensqualität in den Innenstädten, weniger Getriebensein und mehr Platz für die beste Fortbewegungsart: das Radfahren.

 

//Titelbild © Changing Cities

„Für mich ist Radfahren die selbstverständlichste Fortbewegungsart.“

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1 Comment

  • Man merkt gerade deutlich, dass die Radwege einfach zu klein ausgelegt sind und mit dem derzeitgem Rad- und Fußverkehr nicht zurecht kommen. Da wurde geplant, dass halt ein paar einzelne Radler unterwegs sind. Nun teilen sich aber Fußgänger mit Kinderwagen, Inlineskater, Jogger, E-Biker und Radfahrer zwei Meter. Das kann nicht gut gehen.

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