Früh übt sich – Ein Plädoyer fürs Radfahren mit Kind

Radfahren mit Kind

// Bild: Alina Reynbakh / shutterstock.com

Ich fange diesen Blogeintrag mal mit Zitaten meines – verkehrspolitisch gesehen – Lieblingsfeindes an. Am 22.10.2019 empfiehlt der ADAC „… Kinder erst nach der schulischen Fahrradprüfung in der 4. Klasse alleine mit dem Rad am Straßenverkehr teilnehmen zu lassen. […] ADAC-Fahrradturniere bieten nach der schulischen Radfahrausbildung einen geeigneten Rahmen, um den sicheren Umgang mit dem Rad im Straßenverkehr zu verbessern.“

Also soll ein neunjähriges Kind in der Grundschule lernen, sich mit dem Rad in der Stadt zu bewegen und das Wissen bei einzelnen Turnieren vertiefen? Für mich ist diese Herangehensweise symptomatisch für einen Auto-Club, der am liebsten alle anderen Verkehrsteilnehmer aus dem öffentlichen Raum verbannen würde. Für mich gehört dieser den Menschen! Lasst uns ihn (wieder) erobern. Und lasst uns den Kindern die Chance geben, die Techniken dazu frühzeitig zu erlernen – sei es zu Fuß, im ÖPNV oder eben, am liebsten, auf dem Fahrrad. 

Radfahren mit Kind heißt: aufpassen für zwei!

Jeder, der schon mal mit einem Kind unterwegs war, weiß, dass es sich meist für den Mittelpunkt der Welt hält. Und dass gleichzeitig die verkehrstechnisch wichtigen Kompetenzen noch nicht entwickelt sind: Gefahren wahrnehmen, sich ausdauernd auf eine Sache konzentrieren und Entfernungen richtig einschätzen zum Beispiel. Man muss also für zwei aufpassen, wenn man mit dem Nachwuchs im Straßenverkehr unterwegs ist. Dafür hat man dann auch Spaß für zwei!

Radfahren mit Kindern bedeutet für mich, den Weg zum Ziel zu machen. Kein anderes Verkehrsmittel – außer den Füßen – erlaubt es gleichermaßen, die Umgebung gemeinsam wahrzunehmen und spontan darauf zu reagieren – sei es die Nachbarin, die Pferdeweide am Weg oder ein Vogelzug, den man ansehen möchte. Mit dem Fahrradanhänger ist das Anhalten und Hinschauen entschieden mühsamer (Platz suchen, Anhänger öffnen, Kind abschnallen) – ganz zu schweigen vom Auto, bei dem spontane Reaktionen schnell zur Qual für die Mitmenschen werden, wenn etwa mangels Alternativen der Fußweg beparkt wird.

Abenteuer Nachhauseweg

Also rauf aufs Fahrrad und den Enkel in der Kita abholen. Die Technik hat er bei seinen Eltern gelernt, Lenken und Bremsen geht prima, genauso wie er zuverlässig anhält, wenn man ihn auf die nächste querende Straße hinweist. Mit dieser Basis kann es losgehen!

Die erste Etappe der Strecken nach Hause endet dann oft genug schon an der Eisdiele, wo die nette Chefin Kindern Streusel gratis aufs Eis gibt. Dorthin ist eine Straße zu überqueren, an der ich Wert darauf lege, dass mein Enkel absteigt und sein Rad schiebt – das ist zwar eine andere Regel, als seine Eltern es beim gemeinsamen Radfahren wollen, aber er akzeptiert sie und hält sich dran.

Nach der Eisdiele geht es weiter, auf ruhigen Seitenstraßen und an einer Schrebergartensiedlung vorbei. Die Straßen habe ich danach ausgewählt, dass wir nicht gegen den Verkehr fahren müssen. Dafür nehmen wir Umwege gerne in Kauf. Es ist besser nach den richtigen Regeln zu fahren und nichts Falsches zu lernen. 

Der Weg geht weiter durch einen relativ belebten Ort, mit zum Teil schmalen Bürgersteigen und Verkehr auf der Straße. Meine Konsequenz: Ich fahre auf der Straße, ein Stück vor ihm, er auf dem Bürgersteig knapp hinter mir. Er kann somit grundsätzlich nach vorne schauen, was beim Lenken und Hindernisse erkennen hilft. Und ich kann zum Beispiel Autoausfahrten checken und ihn vor Fußgängern warnen („Klingel mal, da kommt dir gleich jemand entgegen!“). Wenn er nicht schnell genug reagiert, haben die Fußgänger mich gehört und weichen von alleine aus (meistens mit einem Strahlen im Gesicht!). 

Das Verkehrsrecht sieht zwar vor, dass man gemeinsam mit den Kindern auf dem Gehweg fährt, aber das erhöht meiner Erfahrung nach nicht die Sicherheit. Nebeneinander fahren geht meistens schon platzbedingt nicht. Die breiten Bürgersteige, die das zum sinnvollen Konzept machen würden, gibt es wahrscheinlich nur in Menschen-Schutzgebieten.

Zeit ist das A und O

Auf unserem Weg muss ich natürlich permanent für zwei aufpassen. Trotzdem gibt es Zeit zu reden und den Verkehr zu erklären, aber eben auch dafür, auf den Wegrand zu reagieren. Wir können spontan an der Brombeerhecke naschen, Blumen oder Kastanien sammeln und nach Lust und Laune am Spielplatz anhalten. 

Was zum Radfahren mit den Kids nicht passt, ist Zeitdruck. Man muss sich Zeit für alles Mögliche nehmen – das ist ja auch der Spaß dabei. Man muss den Kindern aber vor allem Zeit geben, auf Kommandos reagieren zu können. Ein Auto, das eben noch weit weg war, kommt unter Umständen schon ganz nah, bis ein Kind auf die Info reagiert hat: „Die Straße ist frei, du kannst rüber.“

Wenn man sich als „Großer“ auf das Kind konzentriert und ihm Raum gibt – eben auch den zeitlichen – dann verbringt man zwar vielleicht die meiste Zeit des gemeinsamen Nachmittags auf dem Heimweg. Dafür hat man aber auch Chancen auf ungeplante und umso schönere gemeinsame Erlebnisse – eben echte Abenteuer. 

„Mach langsam, dann hast Du mehr vom Pass!“

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