Auf zwei Rädern um den Globus – Rick Creemers und seine Radweltreise

7 Kontinente, 64 Länder, 55.000 Kilometer. Rick Creemers war zwei Jahre lang mit dem Rad unterwegs und ging in die Geschichte ein als jüngster Niederländer, der alleine die Welt mit dem Fahrrad umrundet hat. Die Reise war die Erfüllung seines Lebenstraums und gleichzeitig die größte Herausforderung, der er sich je stellen musste. In diesem Interview gibt er uns einen kleinen Einblick.

Wie kommt man überhaupt darauf, die Welt mit dem Rad zu umrunden? Muss man dafür nicht auch ein kleines bisschen verrückt sein?

Rick: Ich bin schon in meiner Kindheit viel gereist. Verrückt war das für mich eigentlich nie. Einestages habe ich herausgefunden, dass mein Großvater ein begeisterter Radfahrer war. Nach seinem Tod bin ich, um ihn zu ehren, mit dem Fahrrad nach Rom gefahren – auf genau der gleichen Route, auf der auch er schon einmal unterwegs war. Nach dieser Tour konnte ich mit dem Radfahren einfach nicht mehr aufhören und habe wieder richtig Lust aufs Reisen bekommen. So fing das an.

Wie haben deine Freunde und Familie auf deine Idee reagiert?

Rick: Ehrlich gesagt, waren meine Eltern nicht besonders überrascht. Lustigerweise war die erste Reaktion meines Vaters: „Ich hätte gedacht, dass du schon viel früher losfährst.“ Meiner Mutter hat mich sehr unterstützt – war aber natürlich auch etwas besorgt. Aber das war gut so: Dadurch war ich bei der Vorbereitung besonders gründlich.

Eine Radreise um die Welt – das klingt nach einem Haufen Vorbereitung. Wie hast du das gemacht? Und wie lange hast du dafür gebraucht?

Rick: Ich schätze, die gesamte Vorbereitung hat mich zwei oder drei Monate gekostet. Ich habe jeden Abend – bis tief in die Nacht – damit verbracht herauszufinden, welche Visa ich brauche, welche Route ich am besten nehme, welche Jahreszeit ich in welchem Land verbringen möchte und so weiter. Es war wie ein gigantisches, 55.000 Kilometer umfassendes Puzzle, das ich mühevoll zusammensetzen musste. Und je näher die Reise rückte, desto weniger schlief ich. Und die Vorbereitungen hörten mit Antritt der Reise natürlich nicht auf. 

Und wie hast du deine Route geplant? Wie hast du entschieden, durch welche Länder es gehen soll?

Rick: Ich habe mir vorher überlegt, welche Orte ich unbedingt bereisen will. Darunter waren Länder wie Nepal, das Australische Outback und die Golden Gate Bridge. Hinzu kamen dann Faktoren wie die Jahreszeiten und die Gültigkeit meiner Visa. Das Ganze machte die Planung schon ziemlich aufwendig. Ich habe mir einfach eine große Excel-Tabelle erstellt und mit dem „Puzzeln“ begonnen. 

Was waren die prägendsten Etappen deiner Reise?

Rick: Wo fang ich da bloß an? Es gab so viele Stationen, die einfach unglaublich waren: Alaska zum Beispiel – wo ich wochenlang mit etlichen Bären um mich herum gelebt habe. Oder auch Death Valley – der heißeste Ort der Welt. Hier war es während meiner Reise 57 Grad heiß. Und auch mit dem Rad in der Antarktis unterwegs zu sein… Das sind Dinge, die werden mir immer im Gedächtnis bleiben.

Zwei Jahre Radfahren. 64 Länder. Unzählige Eindrücke. Das macht doch was mit einem, oder? Hat dich die Reise verändert?

Rick: Absolut. Ich habe meinen Körper an seine Grenzen gebracht und mehr Menschen, Kulturen und Welten gesehen, als ich es je für möglich gehalten hätte. Diese Reise hat mir klargemacht, dass nichts unmöglich ist. Und wenn du einen Traum hast, dann kannst du ihn auch wahr machen – solange du dafür kämpfst. Aber die Reise hatte nicht nur positive Auswirkungen auf mich: Ich habe einfach so viel gesehen und erlebt. Als ich zurückkam, war ich völlig überfordert. Mein „normales Leben“ wieder aufzunehmen, wurde zur Mammutaufgabe. Bei mir wurde eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert und mithilfe einer Therapie musste ich erst wieder lernen, die Erinnerungen an meine Reise zu genießen. Aber das hat mich auch stärker gemacht. 

Was waren die schlimmsten Erfahrungen deiner Reise?

Rick: Das war wohl die Etappe durch Kasachstan und Usbekistan. 13 Tage lang ging es bei -35 Grad durch die Wüste – allein. Die Kälte und die Einsamkeit haben mich fast um den Verstand gebracht. Ich ging jeden Abend schlafen mit der Frage im Kopf, ob ich überhaupt wieder aufwachen würde. Ich spürte, wie mein Körper starb – ganz langsam. Ich habe mir Erfrierungen an Fingern, Füßen, Nase und Ohren zugezogen und musste schließlich in Nepal ins Krankenhaus. Solche Erfahrungen sind die wirklich schlimmen. Die, die dir auch Jahre danach noch Schmerzen bereiten. Ein platter Reifen oder sich im Dschungel zu verfahren ist nichts dagegen. 

Und was sind die schönsten Erinnerungen an deine Reise?

Rick: Das ist einfach: Patagonien und die Antarktis. Diese Natur – so rau und trotzdem einfach wunderschön. Das kann man nicht beschreiben. Ich musste extrem achtsam sein – ein falscher Schritt und das war’s. Und trotzdem konnte ich einfach nicht anders als weiterzumachen. Ganz langsam bahnte ich mir den Weg durch die Vegetation. Und an jedem Tag musste ich mich einer neuen Herausforderung stellen. Das war natürlich hart, machte aber auch unglaublich viel Spaß. 

Kamst du auf deiner Weltreise irgendwann an den Punkt, an dem du deine Entscheidung loszufahren bereut hast?

Rick: Definitiv! Wäre ja auch komisch, wenn nicht. Ich habe ziemlich häufig an meinen Ideen und meinem Können gezweifelt. Mitten durch den Dschungel mit dem Rad – ohne GPS, ohne Telefon. Da konnte ich nur hoffen, dass ich irgendwie wieder hinaus finde. So ging’s mir in Kambodscha, Mosambik und Malawi. Zuvor hatte ich so etwas noch nie gemacht, habe es nie trainiert. Ich hab’s einfach ausprobiert, ohne nachzudenken. Manchmal bin ich auch mitten in der Nacht aufgewacht, mit einem Elefanten, einem Orang-Utan oder einer gigantischen Schlange gleich neben meinen Zelt. Was macht man in so einer Situation? Ich hatte keine Ahnung – fühlte mich plötzlich völlig unvorbereitet. Und auch als ich in den chilenischen Anden unterwegs war, kamen mir so meine Zweifel. Auf einer Höhe von 4.872 Metern wurde ich sehr krank. So weit ich gucken konnte, sah ich nur Berge und ich wusste, ich muss irgendwie da raus. Zum Glück traf ich irgendwann auf einen Schafhirten, der mir Kräuter gab, um meine Beschwerden zu lindern. Ich bin mir sicher, dass ich ohne ihn gestorben wäre.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem an die Hand geben, der eine ähnliche Reise plant?

Rick: Man muss unbedingt auf seine Instinkte vertrauen. Wenn du ein komisches Bauchgefühl hast, dann verlass dich darauf und handle dementsprechend. Das machen wir in unserem Alltag viel zu selten. Und dann sollte man sich natürlich ausführlich informieren. Sich von anderen Radreisenden inspirieren lassen und von ihren Erfahrungen profitieren. Aber am wichtigsten ist: Glaub daran, dass du es schaffen kannst! Auch wenn es erst mal unmöglich scheint.

Hier gibt’s weitere Infos zu Ricks Weltreise: www.thecyclingdutchman.com

// Bilder: Rick Creemers

„Stau? Kenn ich nur von der Critical Mass."

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